Haarausfall bei Frauen – Julie ist wunderschön ohne Haare

Haarausfall bei Frauen – Julie ist wunderschön ohne Haare

beitragsbild, das den titel "haarausfall bei frauen" zeigt

Diese Woche habe ich ein Interview mit der 22 jährigen Julie Fischer aus Halle für euch. Sie studiert dort Lehramt für Förderschulen und hat kreisrunden Haarausfall, auch bekannt als Alopecia.

Plötzlicher Haarausfall

Geboren wurde sie mit Haaren und hat den Großteil ihres Lebens auch so gelebt, bis 2012 ihre Haare plötzlich auszufallen begonnen haben. Es war ein schleichender Prozess, der sich über mehrere Monate hingezogen. Komplett kahl war sie so im Dezember 2014. 2012 war es erstmal der Haarkranz (der untere Bereich). Bemerkt hat sie lediglich, dass mehr Haare in der Bürste und in der Dusche waren. Als die ersten kahlen Stellen auftraten ist sie zu ihrer Mutter gegangen, dann zum Hausarzt, hat etliche Tinkturen und Wundermittelchen ausprobiert. Dann hat es sich erstmal wieder stabilisiert und es kamen wieder ein paar Haare, bis im Dezember 14 alle Haare ausgefallen sind und seitdem weg sind.

Sie hat eigentlich gar keine Haare, hat also auch ein paar Vorteile, wie sie selbst schmunzelnd sagt 😉 Momentan hat sie ein bisschen Augenbrauen und Wimpern, woran das liegt, kann man heutzutage noch nicht sagen. Die konkreten Ursachen und Wirkweisen sind bislang leider eher unerforscht.

Das Bild zeigt Julie in einer wüstenähnlichen Umgebung. Sie schaut nach links und hält ihre Hände sanft an ihr Gesicht.
Foto von Martin Neuhof

Haarausfall bei Frauen – Ursachen

Häufig tritt Haarausfall bei Frauen sowie generell bei Stress auf. Der Beginn lag bei ihr tatsächlich in einer stressigen Zeit – dem Abi.  Anschließend hatte sie aber ein entspanntes FSJ und ihre Haare sind dennoch nicht wiedergekommen. Es wäre zwar schön zu wissen, woran es liegt, aber sie sagt „es geht einem ja gut, es sind ja doch nur die Haare“.  Was für eine großartige, taffe Frau.

Aber bis dahin ist es ein langer Weg. Es ging ja bei ihr mit 15 los und damals hat sie jedem Haar hinterhergeweint. Es war für sie ein Schönheitsideal, denn Haare gehören einfach zu einer Frau. Sie hat sich überhaupt nicht wohl in ihrer Haut gefühlt und versucht es mit Perücken, aber sich damit nie wohl gefühlt. Sie hatte sogar drei gute Echthaarperücken, aber sie waren doch sehr wuchtig und schwer und das kam ihr dann immer komisch vor. Außerdem hatte sie Angst, dass man es sieht, dass es verrutscht. Sie verteufelt es bei anderen gar nicht, aber empfindet es nicht für sich als dauerhafte Lösung. Sie trägt lieber Mützen, Tücher oder komplett „oben ohne“.

Ich finde Julie einfach wunderschön und folge ihr schon so lange, dass ich ihre fehlenden Haare überhaupt nicht wahrnehme. Deshalb finde ich es so stark, wenn man sich ohne Haare zeigt, weil es so immer normaler wird und man hoffentlich irgendwann gar nicht mehr auffällt. Ich muss stattdessen immer direkt in Julies wunderschöne Augen schauen.

Offener Umgang mit Haarausfall bei Frauen

Sie hat von Anfang an mit offenen Karten gespielt und direkt vor ihrer Klasse was dazu gesagt. Unter Tränen hat sie erzählt, dass sie demnächst erstmal mit Perücke zur Schule kommen wird und alle waren sehr lieb und verständnisvoll. Selbst als sie die Klasse gewechselt hat und es nochmals thematisiert hat, war es überhaupt kein Problem.

Sie hat sogar noch nie einen negativen Kommentar bekommen, was mich sehr gefreut hat. Allerdings wird man natürlich auch angeguckt und oft ist die erste Assoziation, dass man Krebs hat. Julie hat Verständnis für die Menschen, weil sie früher wahrscheinlich auch so gedacht hätte. Man steckt Leute halt gerne in Schubladen und weil da jeder zu neigt, ist es auch nicht so schlimm für sie. Sie geht sehr offen mit dem Thema um und findet rücksichtsvolle Nachfragen völlig in Ordnung. Gerade Kinder starren schnell mal, sprechen einen aber auch eher darauf an. Sie hat ihr FSJ an einer Grundschule gemacht und die Kinder haben natürlich am Anfang direkt nachgefragt, aber dann war es auch gegessen und überhaupt kein Thema mehr. Kinder finden einen natürlichen Umgang mit der Vielfalt der Menschen glaube ich deutlich leichter, weil sie noch nicht so gelernt haben, Vorurteil zu bilden, in Idealen denken und Leute zu bewerten.

Ein schwarz weißes Bild, bei den Kragen ihres Pullis halb vor ihr Gesicht hält. Sie schaut ausdrucksstark in die Kamera.
Foto von Martin Neuhof

Ein Leben mit Alopecia

Bei Julie hat es auch einige Zeit gedauert, bis sie sich mit ihrem Aussehen angefreundet hat. Aber irgendwann gab es für sie die Option einfach nicht mehr niedergeschlagen zu sein. Man hat nur das eine Leben und wenn man sich Tag für Tag selbst bemitleidet, macht es die Situation auch nicht besser. Wobei das natürlich leichter gesagt, als getan ist, ist uns beiden bewusst. Witzigerweise hat sie eine ähnliche Entwicklung erlebt, denn sie hat über Fotoshootings zu mehr Selbstbewusstsein gefunden.

Eine Freundin aus der Schule hat sie gefragt, ob sie nicht mal vor die Kamera will. Sie kennt da eine Fotografin, die auf der Suche nach neuen Gesichtern war. Damals wollte sie sich dann nur mit Perücke fotografieren lassen. Im März 2015 an einem herrlichen, sonnigen Sonntag, sind die drei durch die Stadt gelaufen und haben bezaubernde Fotos gemacht. Sie war hübsch geschminkt und es war eine ganz tolle Stimmung, ungezwungen und beide Mädels haben ihr ein richtig gutes Gefühl gegeben.

Julie hat dann einen Instagramaccount gemacht und die Bilder mit Perücke hochgeladen. Irgendwann kam dann der nächste Fotograf auf sie zu und dann wieder der nächste und so weiter. Nach einer Weile wollte sie dann auch im Herbst 2015 auch mal Bilder ohne Haare für sich selbst machen. Als der Fotograf die dann hochgeladen hat, kam tolles Feedback, was ihr sehr gutgetan hat. Dieser kleine Egobooster ist aber meiner Meinung nach überhaupt nichts Verwerfliches. Wenn rieisige Accounts irgendwann das Selbstbewusstsein nur daraus ziehen, ist das was ganz anderes. Aber Julie und ich waren es halt nicht gewohnt, dass Leute, die nicht Freunde oder Familie sind, so etwas nettes zu einem sagen.

Die tollen Bilder in diesem Artikel sind auch so entstanden und wurden von dem genialen Fotografen Martin Neuhof gemacht, mit dem ich auch schon zusammenarbeiten durfte. Ich liebe einfach, dass so viel Gefühl in all seinen Bildern steckt.

Es ist eine absolute Empfehlung sich über Fotos mit dem eigenen Aussehen auseinander zu setzen, solange man dabei auf das eigene Gefühl horcht und nichts erzwingt. Gerne als auch Selbstportraits oder wie bei Julie als großartigen Tag mit Freunden.

Ihr Bad no hair day hat sie auch hin und wieder. Denn sie ist auch nur ein Mensch und hat auch nicht so gute Phasen, das ist völlig normal.

Austausch mit anderen

Vor einem dreiviertel Jahr hat sie die Mitbegründerin eines Mützenlabels angeschrieben, ob sie Lust habe die Modelle zu bewerben. Es ist ziemlich schwierig hübsche Mützen zu finden, was mir gar nicht so bewusst war. Deshalb war sie von Anfang an begeistert und hat Model gestanden für die neue Kollektion. In Italien lief dann ein großes Shooting und dort waren ca. 7 Frauen ohne Haare. Das war eine ganz neue Erfahrung für Julie, weil sie so viele Leute hatte, die sie verstehen können. Sie friert beispielsweise nachts immer ganz tolle am Kopf und Hals und die anderen konnten ihr dann bestätigen, dass es bei ihnen auch so ist. Ich kenne das auch sehr gut, dass man zwar gerne mit Freunden darüber redet, aber man fühlt sich auf einer völlig anderen Ebene verstanden, wenn jemand genau die gleiche Lage durchlebt hat.

Man sieht einen Glaskasten, wie ein Aquarium, in dem nur Julies Kopf sichtbar ist. Als Dekoration ist dort eine Lichterkette gelegt.
Foto von Martin Neuhof

Vermisst sie die Haare noch? Nein!

Auf die Frage, ob sie gerne wieder Haare hätte, hat sie das vehement verneint. Sie fände es total komisch, wenn sie jetzt wieder Haare hätte und außerdem sie hätte so viele Dinge nicht erlebt, so viele tolle Leute nicht kennengelernt. Es hat sie so sehr geprägt und zu dem Menschen gemacht, der sie jetzt ist. Auch für ihre Zeit als Lehrerin an einer Förderschule sieht sie das sehr positiv, weil sie sich so besser in die Kinder hineinversetzen kann.

Julie schminkt ihre Wimpern und Augenbrauen auf jeden Fall mehr, klebt sich sonst auch Wimpern auf (auch weil man sonst dauernd was ins Auge bekommt). Komplett ungeschminkt fehlt ihr die Kontur im Gesicht. Sie sieht das nicht als Verstecken, sondern als ihre Möglichkeit sich selbst ein bisschen mitzubestimmen.

Schluss mit dem Schönheitswahn

Es gibt ja zum Glück gerade eine große Bewegung, darüber zu reden, dass wir alle unsere Probleme haben und man sich eingestehen darf, was einem nicht so gefällt und das es okay ist. Julie findet es relativ bedenklich, dass Kinder und Jugendliche, die ja noch so empfänglich sind, den Leuten auf Instagram usw. folgen und immer wieder damit konfrontiert werden, wie man auszusehen hat und was es für viele Wege gibt, um die Schönheit zu verstärken. Sie hat schnell gemerkt, dass sie nicht eh mehr reinpasst, in diese Welt die da präsentiert wird. Sie hatte lange kein Selbstbewusstsein, als sie gemerkt hat, dass sie optisch nicht reinpasst und diese Schönheitsideale nicht erfüllt. Für Männer ist das ja auch schon kein leichtes Thema, aber Haarausfall bei Frauen ist meiner Meinung nach noch etwas schwieriger, weil es seltener vorkommt und deshalb mehr beäugt wird.

Es fehlt die Vielfalt in den Medien, damit man sich hinreichend vertreten fühlt. Es wäre großartig, wenn einfach vielfältigere Menschen überall gezeigt werden würden, weil es dann irgendwann selbstverständlich ist. Heute sind es leider noch die Ausnahmen. Haarausfall bei Frauen könnte doch viel häufiger thematisiert werden, weil er gar nicht so selten ist.

Julie hat beispielsweise bei einer Kosmetkmarke einen Job gehabt, wo sie gezielt Leute mit einer bewegenden Geschichte gesucht haben. Schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, aber am Ende auch nur eine Werbung, nur eine Kampagne …

Ihre Abschlussworte sind: Jeder Mensch ist auf seine Art und Weise schön. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und das ist eben kein Klischee, sondern die Wahrheit.

Die nächste Podcastfolge kommt übrigens erst am 03. August, weil ich bis dahin im Urlaub bin. Ich wünsche euch eine erholsame Zeit bis dahin, die ihr gerne nutzen könnt, um mal wieder durch die alten Folgen zu hören. Meist entdeckt man dann ja doch noch was Neues. Zu dieser Folge würde thematisch wunderbar die Folge 3 passen, in der wir über Selbstliebe und meine Entwicklung reden.

Alles Liebe

unterschrift ilka brühl

Shownotes

 

2 Responses

  1. Sylvia Fischer sagt:

    Liebe Ilka, was für ein schönes Interview mit Julie.
    Ihr Beide wart toll. Ich schaue und höre öfter mal bei Dir rein.
    Starke junge Frau. !!
    Ich bin eine stolze Mutti…..Ich bin die Mutti von Julie und ziehe meinen Hut vor Euch , wie ihr das Leben anpackt. Mein Lebensmotto “ Krone richten, weiter machen!“
    Alles erdenklich Gute im Leben! Herzlichst Sylvia Fischer

    • Liebe Syvlia,
      wie schön, Dich „kennenzulernen“. Du scheinst eine ganz tolle Einstellung zu haben und ich freue mich sehr, dass Julie so eine Mutter hat.
      Du bist hier immer gerne gesehen.
      Ganz herzliche Grüße, Ilka

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