Blindenreportage – Mit den Ohren Sehen

Blindenreportage – Mit den Ohren Sehen

Mit den Ohren sehen - Blindenreportage

Stell dir mal vor, du bist auf einem Event und kannst wenig oder nichts sehen. T_OHR – Zentrum für Sehbehinderten- und Blindenreportage ist ein Projekt, das mithilfe von Blindenreportagen dennoch eine Teilnahme an Kultur- und Sportveranstaltungen ermöglicht. Seit dem 15. April 2018 gibt es sie – also rund ein Jahr.

Es handelt sich um ein Gemeinnütziges Projekt von AWO-Passgenau e.V., einem Verein der Arbeiterwohlfahrt mit zwei festen und zwei freien Mitarbeitern. Philipp Dienberg (einer der zwei festen Mitarbeiter) hat sich die Zeit genommen, mit mir zu sprechen.

Blindenreportage im Sport

Weit verbreitet im Fußball

Philipp kommt aus dem Radio, im Bereich Sport und ist dann nach Düsseldorf gezogen, wollte sich ein Fußballspiel angucken und hat dann dort mitbekommen, dass die einen Blindenreporter suchen. Nach einem sehr langen Telefonat wurde er gefragt, ob er mal aushelfen kann. Trotz der größten Heimniederlage des Fortuna Düsseldorfes hat er seine Sache anscheinend gut gemacht, denn seitdem ist er fest dort im Team. Florian sein Kollege ist ehrenamtlich Blindenreporter bei Darmstadt. Bei T_OHR haben sie noch zwei freie Mitarbeiter, die noch beratend zur Seite stehen und beide in Hamburg in der Blindenreportage sind.

Bisher hat sich die Blindenreportage im Fußball schon sehr durchgesetzt aufgrund der großen Zuschauerzahl. Bayer Leverkusen hat 1999 damit angefangen, weil die das aus England aufgenommen haben. Nach und nach sind andere Vereine dazu gekommen, bis 2006 die WM war und es seitdem sehr verbreitet ist. Sowohl in der ersten als auch zweiten Liga, häufig sogar noch darunter. Da managen die Vereine das alles selbst und haben ihre eigenen Blindenreporter. Hin und wieder steht T_OHR ihnen aber als Berater zur Stelle, wie vor Kurzem beim Zweitligisten Sandhausen. Dort haben sie gerade als Technikansprechpartner geholfen, eine neue Reportageanlage zu kaufen.

Ausweitung auf andere Events

Natürlich ist das noch nicht genug, denn auch blinde und sehbehinderte Menschen müssen die freie Wahl haben können, welche Sportart sie verfolgen wollen. Deshalb versucht T_OHR das jetzt auch in andere Sportarten und Events hineinzutragen. In der Handball-WM dieses Jahr ist es ihnen beispielsweise schon gelungen. Manchmal gehen die Vereine auf T_OHR zu und manchmal geht das ganze von Philipp und Florian aus. Dabei konzentrieren sie sich momentan auf die großen Sportarten, weil man so die meisten Menschen erreicht. Auch die Rollstuhlbasketball-WM haben sie begleitet.

Doch sie machen auch ganz andere Sachen, wie eine Tiershow letztes Jahr. Denn viele Blinde haben auch einen Blindenhund und deshalb sind Leute von sehr weit weg extra zu dieser Show gefahren. Es gab auch ganz tolles Feedback, weil die Blinden sonst wirklich nur einen Bruchteil der Informationen aufnehmen können. Eine Hörerin meinte zu Florian, dass ihnen sonst 90% der Informationen verloren gehen und sie aber diesmal das Gefühl hatte, dass sie 90% der Informationen aufnehmen konnten, weil ihr detailliert beschrieben wurde, dass der Hund jetzt das Pfötchen hebt usw.

Eine andere schöne Situation, die Philipp berührt hat, war als blinde Menschen im Stadion plötzlich nach dem Spiel richtig mitdiskutieren konnten über ein Foul. Wie schön ist das denn?

Teilhabe für blinde Menschen

Die eigentliche Blindenreportage funktioniert momentan so, dass der Blindenreporter ein eigenes Mikro hat und die anderen Menschen einen Empfänger. Doof ist leider bisher, dass die Funkverbindung noch auf ca. 200m begrenzt ist, sodass man die Blindenreportage nur an bestimmten Stellen hören kann. Es muss aber auch einem Blinden möglich sein eine Karte für jeden beliebigen Platz zu kaufen, doch daran arbeitet man schon über eine verbesserte Übertragetechnik. Bisher sind die Blinden nämlich schon integriert, aber eben nicht inkludiert.

Da Philipp ja mehr Kontakt zu blinden und sehbehinderten Menschen hat als ich, wollte ich wissen, ob es bestimmte Dinge, auf die man achten soll, um es ihnen leichter zu machen. Da sagt er ganz klar, dass man aufmerksam sein soll, dass da jemand mit Blindenstock kommt. Viele nehmen es war, aber gehen nur halb zur Seite, bleiben auf Blindenleitlinien stehen, die in Bahnhöfen usw. wirklich für Blinde sind.

Aber häufig wird man auch überrascht, wie gut sie zurechtkommen. Philipps Freundin wurde beispielsweise mal nach dem Weg gefragt und konnte ihn leider nicht beschreiben. Es war aber eine blinde Kollegin dabei, die den Weg super beschreiben konnte.

„Über die Ohren sehen“ „Es muss irgendwann Standard sein, dass ein blinder Menschen sich überall im Stadion hinsetzen kann“

Unterstützung für soziale Projekte

Mehr Blindenreportagen mit T_OHR

Die Aktion Mensch und die DFL-Stiftung fördern T_OHR noch. Wobei sie auf Dauer den Anspruch haben, sich selbst zu tragen, quasi ganz normal als Agentur nur für Blindenreportagen. Dabei kamen wir wieder auf das Thema, mit dem ich auch immer etwas kämpfe: soziale Leistungen dürfen und müssen auch ganz normal bezahlt werden. Mir fällt es immer schwer, am liebsten würde ich das Bilderbuch später verschenken. Aber man muss auch fair dafür entlohnt werden, damit man seine Zeit auch wirklich darein stecken kann. Es muss irgendwann der Standard sein, dass solche Reportagen nicht immer Ehrenamt sind. Es ist zwar eine soziale Dienstleistung, aber eben eine Dienstleistung, die auch dem Ersteller Kosten und Zeitaufwand verursacht und das muss honoriert.

Fördermöglichkeiten

Wenn man mit einer sozialen Idee starten will, rät Philipp sich zunächst über Fördermöglichkeiten zu informieren. Dazu sollte man sich im Internet mal gründlich informieren, welche Stiftungen es gibt, die in einem passenden Bereich agieren. Denn es macht natürlich keinen Sinn sich bei einer Tierhilfe zu bewerben, wenn man mit Jugendlichen arbeiten will. Es ist viel Recherche, Herzblut und Arbeit nötig, aber es zahlt sich am Ende aus. Und ganz wichtig: Immer darüber reden! Es ergeben sich so viele Möglichkeiten, wenn man offen seine Ziele und Träume kommuniziert. Ganz nach dem Motto „Tu Gutes und rede darüber“. Vielleicht ergeben sich Kooperationen oder jemand gibt einem einen Tipp.

Weil T_OHR so ein wichtiges Projekt ist, wurden sie für den Integrationspreis 2019 nominiert. Dieser wird in knapp einem Monat von einer Jury ausgewählt und bis dahin nimmt man an einem Crowdfunding-Wettbewerb teil. Philipp schwärmt davon, dass geniale Projekte an diesem Wettbewerb teilnehmen und der tollen Energie zwischen den Bewerbern. Da der Crowdfunding-Wettbewerb komplett unabhängig von der Vergabe des Integrationspreises ist, kommt der Wettbewerbsgedanke zwischen den Projekten eher nicht auf und man unterstützt sich sehr. Denn all diese Projekte haben gemeinsam, dass sie Spenden immer gut gebrauchen können.

Ich verlinke hier mal die Crowdfundingaktion und würde mich freuen, wenn die ein oder andere Spende zustande kommt, weil es wirklich eine klasse Sache ist, um blinden und sehbinderten Menschen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen.

Berührungspunkte schaffen

Auf die Frage, woher Philipps soziales Interesse kommt, hat er erzählt, dass seine Mutter als er so ca. 14 war häufig auf einen geistig behinderten Jungen aufgepasst und Philipp war häufig dabei. Sie haben viel zusammen unternommen und das hat sicherlich auch die Berührungsängste genommen, die viele ja häufig haben, was ja auch normal ist, wenn man keinen Kontakt hat mit Leuten mit Behinderung.

Ich befasse mich ja auch noch nicht lange mit dem Thema und war zum Beispiel vor dem Interview mit Raul Krauthausen in Folge 21 echt nervös, weil ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen. Doch sobald man den Kontakt einmal hatte und vielleicht auch das eine oder andere Fettnäpfchen mitgenommen hat, normalisiert sich der Umgang ganz schnell. Deshalb ist Inklusion auch so wichtig für alle Seiten, nicht nur für Leute mit Behinderung. Es macht das Miteinander für alle einfacher und sollte außerdem absolut selbstverständlich sein. Inklusion ist kein Akt der Barmherzigkeit, sondern meiner Meinung nach ein Grundrecht.

Und falls ihr Philipp super sympathisch findet, folgt T_OHR mal auf Instagram, dort werdet ihr auch informiert über laufende Projekte, wie beispielsweise einen Podcast, der wohl noch rauskommt.

Shownotes

 

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