Wer ist schon normal?

Wer ist schon normal?

Blog - Folge 21 - wer ist schon normal

In dieser Folge rede ich mit Raul Krauthausen, der sein Leben lang im Rollstuhl sitzt. Er engagiert sich seit über 15 Jahren zum Thema Inklusion, für Menschen mit Behinderungen und Barrierefreiheit.

Studiert hat er Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Dann hat er jahrelang für Werbeagenturen und das Radio gearbeitet. Er hatte nicht immer eine Mission, sondern wollte sogar nie mehr als nötig mit dem Thema Behinderung zu tun haben. Im Interview sagt er: „Natürlich war mir klar, dass ich im Rollstuhl sitze, aber ich wollte nicht mein ganzes Leben danach ausrichten“

Das Umdenken kam, als er seine Diplomarbeit beim Radio geschrieben hat und als Thema „Die Darstellung von behinderten Menschen im deutschen Fernsehen“ als Symbiose aus beidem gewählt hat.

Dafür musste er sehr viel recherchieren und hat gemerkt, wie groß das Thema ist.  Bei der Recherche im amerikanischen Markt hatte er dauernd Aha-Momente. Also hat er begonnen für den deutschen Markt zu reflektieren, wie er das Leben mit Behinderung sieht

Integration und Inklusion in der Schule

Als Einleitung für den folgenden Teil eine kurze Erklärung. Integration bedeutet, dass eine Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft Platz bekommt. Die Minderheit ist sich dessen aber bewusst und soll dankbar sein. In der Inklusion sagt man, dass es keine Mehrheit gibt, sondern wir alles Individuen sind. Wir sollten also eine Gesellschaft kreieren, in der alle das Recht haben, sich gleichermaßen zu entfalten.

In seiner Kindheit hatte Raul erst spät bewusste Auseinandersetzungen mit dem Thema Inklusion und Integration. Er war nämlich zufällig in einem Kindergarten, der Kinder mit und ohne Behinderung betreut hat, ohne zu ahnen, dass das etwas besonderes ist. Themen wie Inklusion waren ihm und seinen Eltern damals gar nicht auf dem Schirm. Die Kindergartengruppe ist dann geschlossen auf die Grundschule, sodass ihm erst in der fünften Klasse klar wurde, dass das nicht so normal war, wie er es empfunden hat. Das gab es damals nicht so verbreitet, wie es das heute gibt.

Raul und ich posieren nebeneinander nach seiner Lesung

In seiner Klasse waren auch Kinder mit geistiger Behinderung und das ging, aber heute diskutiert man das heiß. Das nervt ihn und lässt ihn zum Aktivisten werden.

Seit Jahrzenten wird im Bildungsbereich gespart, die Klassen werden größer, Lehrer müssen mehr leisten, es gibt mehr Vergleichsstudien, die Schüler vergleichen. Jetzt entlädt sich dieser Druck, weil behinderte Kinder an Regelschulen kommen. Jetzt haben Lehrer einen Anlass sich zu beschweren, nach dem Motto, jetzt sollen wir das auch noch machen. Doch dafür können die Kinder nichts und sollten dafür nicht bestraft werden, dass so lange gespart wurde.

Er warnt davor zu sagen, dass die Lehrer erst richtig ausgebildet sein müssen, weil es die behinderten Kinder zu einer Art Alien macht. Man braucht nicht unbedingt eine Fachkraft, sondern gesunden Menschenverstand. Eltern waren ja vorher auch keine Fachkräfte. Deshalb in der medialen Diskussion nicht in die Falle tappen, dass man alles auf die Ausbildung schiebt. Denn so Superlehrer, die mit jeder Behinderung klarkommen, wird es nie geben. Man muss einfach so früh wie möglich anfangen mit der Inklusion, damit es einfach immer normaler und selbstverständlicher werden.

Vorsicht bei Ratschlägen

Raul erklärt mir, dass Aussagen wie „du bist wunderbar, so wie du bist“ nur funktioniert, wenn wir ein Umfeld haben, dass uns auch bestärkt. Das kann schnell dazu führen, dass man Schicksale und Probleme bagatellisiert.

Jeder ist seines Glückes Schmied, aber nicht jeder Schmied hat Glück. Warum hat jemand kein Glück? Weil er oder sie ein Umfeld hatte, was nicht an ihn geglaubt hat und Steine in den Weg gelegt hat.

In seiner Ausbildung als Telefonseelsorger hat er gelernt, dass jeder Ratschlag auch ein Schlag ist. Es hilft her zu fragen, was hilft dir, was brauchst du, was kann ich tun? Dann wissen die aber oft keine Antwort. Aber auch einfach, dass man sich mal mit Ratschlägen zurückhält und sich selbstreflexiv fragt, warum will ich dieser Person Ratschläge geben? Es ist nämlich das Schwierigste, das einfach auszuhalten und gemeinsam da drin zu sein. Auch mal Stille und Ratlosigkeit aushalten.

Über Rauls Projekte

Raul arbeitet an ganz vielen verschiedenen Projekten und hat mich wirklich beeindruckt. Was die Projekte alle verbindet ist das Ziel, die Perspektive auf Behinderungen zu verändern. Ein paar stelle ich euch folgend vor.

In Krauthausen Face to Face, einer Fernsehsendung, wird mit Künstlern mit Behinderung über Kunst diskutiert und auch sehr kritisch hinterfragt, ob die Person wirklich Künstler sind oder nur berühmt, weil sie eine Behinderung haben. Denn viele finden Kreativität von Behinderten generell gut, so wie von Kindern.

Außerdem haben wir darüber geredet, was wichtig ist für eine Vielfalt in Kinderbüchern. Denn viele Kinderbücher seien gut gemeint, aber schlecht gemacht. Ein typischer Fehler sei z.B. dass man zwei Menschen nimmt, die ein Schicksal teilen und aufgrund dessen beste Freunde werden. Die Annahme ist dann meist, dass zwei Leute mit Behinderung automatisch beste Freunde werden. Doch das Problem ist dann meist die Mehrheitsgesellschaft und nicht die zwei. Solche Geschichten entlasten dann immer die Mehrheitsgesellschaft, sich nicht damit zu befassen und die Verantwortung abzuschieben.

Ein weiteres Projekt ist sein eigenes Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“, das den Leser sehr viel zum Nachdenken anregen soll und nicht direkt die offenen Fragen aufklärt. Zum Ende hin erfährt der Leser zwar, wie es bei Raul verlaufen ist, aber ohne ein gekünsteltes Happy End, sondern auch mit den Schwierigkeiten, die das Leben zu bieten hatte.

Schließlich reden wir noch über die Kinder der Utopie, ein Dokumentarfilm, der nur am 15. Mai in den Kinos gezeigt wird und anschließend in eine Diskussionsrunde geht. Ich werde ihn mir in Braunschweig auf jeden Fall angucken. Falls du auch Lust hast und zufällig aus der Nähe kommst, kannst du mich gerne anschreiben, damit wir zusammen gehen.

Shownotes

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