Du bist genau richtig – eine Kurzgeschichte

Du bist genau richtig – eine Kurzgeschichte

Du bist genau richtig

Manche von uns haben eine scheinbar unerschütterliche Stärke. Nichts und niemand könnte sie beirren, meinen wir. Sie stehen so fest im Leben, dass wir sie neidisch und missgünstig betrachten. Doch niemandes Leben ist perfekt und auch sie erleben harte Zeiten, auch wenn man es nicht glauben kann.

Genau so erging es auch der Sonne. Jetzt denkt ihr vielleicht, dass ich einen Spitznamen meine. Doch weit gefehlt – es geht um diesen großen, leuchtenden Himmelskörper, der uns mit Licht und Wärme versorgt. Millionen von Jahre ist es jetzt her, als unsere Geschichte spielt. Niemand weiß so recht, wo die Sonne herkam, doch plötzlich war sie da und irrte durch die Galaxien. Die neugeborene Sonne war völlig begeistert von der Fülle, die sich vor ihr erstreckte. Damals war noch alles und nichts, Leere und Fülle, Stille und Lärm. Wochenlang reiste sie umher, doch es wurde langweilig so alleine. Umso größer war die Freude, als sie auf einen Planeten traf.

„Au fein, wie wunderbar, was sehe ich denn da?“, freute sich die Sonne. „Da muss ich unbedingt mal nachsehen gehen.“ Wie der Wind schoss sie auf den Planeten zu und sah dabei leider nicht, dass ihr ein riesiger Meteorit im Weg war. Als sie das drohende Unheil bemerkte, war es längst zu spät, sie rammte den Meteoriten, der wie eine Billiardkugel weiterflog. Mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit wurde er gegen den Planeten geschleudert und kam auf der anderen Seite wieder raus. Da er aber fast genauso groß wie der Himmelskörper selbst war, blieb nur ein schmaler Rand übrig.

Ja, ich gebe zu, das kann man sich jetzt nur schwer vorstellen, aber ich schwöre euch, dass es genau so ablief. Lasst mich euch ein Beispiel geben, damit es anschaulicher wird. Wenn ihr zur Weihnachtszeit ein großes rundes Plätzchen ausstecht, könnt ihr ja eine etwas kleinere runde Form nehmen und nochmal ausstechen. Dann habt ihr einen kleinen Rand und ein großes Inneres, das frei geworden ist. Genau so erging es dem armen Planeten. Wie ihr euch denken könnt, hat ihm das nicht so gut gefallen. Was sollten denn die anderen Planeten von ihm denken?

„Oh mein schöner Körper“, jammerte er „Einst war ich so prachtvoll und nun sieh mich an. Ich bin völlig zerschunden, gar nicht mehr ansehnlich. Was sollen denn nun Venus von mir denken? Ach weh, was bin ich arm dran.“ Wie ungünstig, dass die Sonne als ersten Planeten direkt so ein eitles und selbstmitleidiges Exemplar kennenlernen musste. Zugegeben ihr Kennenlernen stand unter keinem guten Stern, doch hatte die Sonne das ja nun wirklich nicht mit Absicht gemacht.

Sie wollte ihm einen aufmunternden Klaps geben, hatte ihre Kräfte aber noch immer nicht so einzuschätzen gelernt, weshalb die übrige Planetenkugel wild zu rotieren begann. Schneller und immer schneller, bis der ausgestanzte Rest (erinnert euch an die Plätzchen) angezogen wurde und sich wie ein Ring um den Planeten legte. Eigentlich sah das ganz schick aus, fand die Sonne. Doch als sie ihm näher kam, rückte er schnell von ihr ab. „Wage es nicht“, kreischte er. „Du wirst mich nicht noch einmal berühren, du Monster.“ Eilig wendete er sich ab und raste davon. Später würde er ihr noch dankbar sein, denn nur der Sonne hatte er seinen Ring zu verdanken, mit dem er ein echter Trendsetter wurde. Selbst der Saturn hat ihm das nachgemacht.

Schon nicht mehr ganz so glücklich, zog die Sonne weiter. Was für ein unglückliches Missgeschick, das würde ihr ganz bestimmt nicht mehr passieren. Doch so bald bot sich auch gar keine Gelegenheit dazu, denn sie durchstreifte ein Gebiet völliger Leere. Hin und wieder tauchte ein leuchtender Brocken auf, viel kleiner als sie und von anderem Licht. Sie selbst nannten sich Sterne und waren freche kleine Dinger – aber ungefährlich. Sie umschwirrten die Sonne auf ihrem Weg durch die Galaxien und spielten mit ihr. Alles schien perfekt, besonders gerne spielten sie Verstecken. Die Sonne war aufgrund ihrer Masse nämlich etwas träge und konnte sich nicht so schnell drehen. Die Sterne sammelten sich also immer in ihrem Rücken und kicherten vor sich hin. Es war jeden Tag das gleiche Spiel, doch es wurde ihnen allen nicht langweilig.

Eines Tages stolperte die Sonne aber und atmete versehentlich einen Stern ein. Eigentlich nicht weiter schlimm, davon gab es eh viel zu viele. Doch das kleine Ding strampelte und zappelte so sehr, dass die Sonne ganz heftig niesen musste. Kennst du Leute die laut niesen? Und kannst du abschätzen, wie groß die Sonne ist? Dann stell dir jetzt mal vor, was passiert, wenn diese niesen muss. Ganz genau, ein enormer Luftstrom wurde ausgelöst, der alle Sterne packte und so weit weg schleuderte, dass die Sonne sie nicht mehr sehen konnte. Für die Sterne war das nicht weiter schlimm, sie blieben zusammen und bildeten die Milchstraße, aber die arme, arme Sonne war schon wieder alleine.

Mittlerweile war die Sonne wirklich deprimiert. Sie passte einfach nicht in diese Welt, viel zu groß, viel zu hell, viel zu heiß. Wieso konnte sie nicht so sein wie die anderen? Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr. So ein großer, ungeschickter Klops wie sie, würde niemals Freunde finden. „Wozu gibt es mich überhaupt? Ich sollte mich lieber verstecken, um keinen weiteren Schaden anzurichten. Am besten werfe ich mir ein riesiges Tuch über und bewege mich nie wieder. Aber wo bekomme ich ein Tuch her? Ohje, nicht mal das kann ich“, seufzte die Sonne erneut und da begann es.

Zunächst kam nur eine einzelne Träne hervor und dann immer mehr. All die Enttäuschung und der Frust konnten nicht länger zurückgehalten werden und so ließ sie alles heraus. Die salzigen Tränen liefen an ihr herunter und der größte Teil verdampfte gleich, ob ihrer Hitze. Doch einiges tropfte auf den Gesteinsklumpen unter ihr und sammelte sich dort.

„Eeeey, was soll das?“, erscholl es von unten. Oh nein, der nächste war verärgert.

Die Sonne machte aber auch wirklich alles falsch. „Schudiggung“, brachte die Sonne hervor, wobei ihre Aussprache von den Tränen verschleiert wurde.

„Was sagst du?“, fragte der Klumpen, während er sich immer weiter vollsaugte.

Da riss die Sonne sich zusammen und trocknete ihre Tränen. „Entschuldigung, das wollte ich nicht. Warte, ich helfe dir beim Trocknen.“ So näherte sie sich dem Klumpen.

„Woaaah, bist du heiß, vorsichtig, ich verbrenne ja noch.“

Also vergrößerte die Sonne ihren Abstand und wollte schon wieder ganz gehen.

„Warte, warte, mir ist so schrecklich langweilig, erzähl mir was.“

„Dir ist auch langweilig? Ach wie schön, dann kann uns ja zusammen langweilig sein“, brachte die Sonne hervor. Und so erzählten sie sich gegenseitig von ihrem Leben. Sie erfuhr, dass man es als Klumpen auch nicht besser hatte, weil man so unbedeutend und kahl war, dass einen keiner beachtete.

„Du wirst es nicht glauben, was mir neulich passiert ist“, setzte der Klumpen an. „Da ist so ein eitler Planet mit einem Ring hier langstolziert, als wäre er etwas Besseres. Ganz albern sah der aus.“

Da musste die Sonne herzlich lachen. Allgemein lachte die Sonne auf einmal so viel und sie merkten, wie sehr sie sich ergänzten. Sie entwickelten sogar ein Ballspiel, in dem sie sich ein kleineres Klümpchen zuwarfen. Doch als sie merkten, dass sich dadurch die Flüssigkeit auf dem Klumpen wild bewegte, ließen sie es wieder sein. Stattdessen umkreiste dieses Klümpchen seinen größeren Kumpanen nun.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich ihre Beziehung immer weiter und auch sie selbst. Die sanfte Wärme der Sonne führte dazu, dass sich auf dem Klumpen Leben entwickelte und Klümpchen bewegte die Meere. Die eigenartigsten Lebewesen entwickelten sich über die Jahrtausende, zuletzt sogar merkwürdige Zweibeiner, die sie anbeteten. Ganze Kulturen huldigten ihnen. All die Aufmerksamkeit wäre anderen zu Kopf gestiegen, doch nicht so der Sonne, die immer noch wusste, wie anders es sein könnte. Im Laufe der Zeit hatten sich andere Planeten zu ihnen gesellt, wobei keinen diese besondere Verbindung erlangte wie ihnen.

Die Sonne und Erde sollten für alle Zeit beste Freunde bleiben, denn sie hatten sich gegenseitig so viel zu verdanken. Sie haben aneinander geglaubt, als es kein anderer tat und sich so gezeigt, dass jeder genau richtig ist, wie er ist. Niemand ist zu groß, niemand ist zu hell, wir sind einfach alle wunderbar.

Du bist wunderbar.

Shownotes

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2 Responses

  1. Kathleen sagt:

    Eine sehr er schöne Geschichte!
    und du hast eine angenehme Stimme!
    Gerne mehr davon!

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