Selbstzweifel

Seien wir mal ehrlich: wer ist schon vollkommen zufrieden mit sich? Unreine Haut, splissige Haare … diese Liste könnte man endlos fortsetzen. Es wird immer ein paar Dinge geben, die einen stören. Wichtig ist, wie wir selbst damit umgehen. Lässt du zu, dass diese dich runterziehen? Früher war mein Leben dominiert von dem Wissen um meine Schwächen – mein Selbstbewusstsein war dementsprechend ziemlich gering.

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(Foto: Ines Rehberger)

 

Das Problem ist, wenn du einmal in diesem Strudel gefangen bist, kommst du nur schwer wieder da raus. Die Selbstzweifel haben dich fest im Griff und du wirst immer weiter hineingezogen. Kommt dir das bekannt vor? Willst du auch aus diesem Strudel ausbrechen? Dann wirst du mir sicher Recht geben, dass das nicht von alleine passieren wird. Im Gegenteil: Wenn du nicht aktiv handelst, wirst du immer weiter in das Zentrum des Strudels gezogen. Sehr gut! Denn die Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung und das meine ich nicht als Floskel. Ich weiß, damit allein ist es noch nicht getan – doch unterschätze nicht die Wirkung deiner eigenen Gedanken. Du hast jetzt dein Seepferdchen, der nächste Schritt ist der Freischwimmer – und dabei will ich dir helfen. Die Zweifel werden trotzdem an dir ziehen, manchmal stärker, manchmal schwächer. Aber du wirst mit etwas Übung einfach locker durch die Strömung kraulen – davon bin ich überzeugt.

Zusammen zu mehr Selbstbewusstsein

Vorweg eine Info: Alles, was ich hier schreibe spiegelt meine eigene Meinung und Erfahrungen wieder. Ich habe keine Ausbildung oder Ähnliches in dem Bereich und möchte gar nicht behaupten, dass ich den ultimativen Weg zu mehr Selbstbewusstsein gefunden habe. Denn jeder Mensch ist anders und muss seine eigenen Erfahrungen machen. Aber was hast du zu verlieren? Im schlimmsten Fall liest du ein paar Ansichten, denen du nicht zustimmen kannst. Im besten Fall fühlst du dich verstanden und merkst, dass du nicht allein mit deinen Problemen bist, dass es Lösungen gibt und diese Zeit brauchen. Mir hilft es jedenfalls immer mir bewusst zu machen, dass es vielen so geht. Die meisten Menschen sind auf die eine oder andere Weise nicht mit sich zufrieden, was dazu führt, dass sich mehr Leute in den sozialen Medien mit dem Thema auseinander setzen. Es gibt Trends wie Bodypositivity und Aktionen gegen Bodyshaming, was erste sehr gute Ansätze sind. Insgesamt muss sich auf dem Gebiet aber noch viel mehr tun, denn der Druck das perfekte Leben zu führen, wird durch Instagram und co leider auch verstärkt. Das eigene Leben wirkt weniger toll, wenn man nicht die perfekte Wohnung hat, in der man das makellos angerichte Essen aufnimmt, als Mutter kein Sixpack hat und direkt nach dem Aufstehen super aussieht. Was man dabei so schnell vergisst, ist, dass das nur ausgewählte Momentaufnahmen sind, die uns da gezeigt werden. Vielleicht türmt sich direkt neben dem Teller das schmutzige Geschirr, der Bauch wird geschickt in einer High-Waist versteckt und der natürliche Look hat stundenlanges Schminken erfordert. Doch wenn man es schafft, dass man mit sich selbst zufrieden ist, können einen solche Fotos gar nicht runterziehen. Zusammen schaffen wir das – Ehrenwort.

Meine Geschichte

Ich wurde mit einer Gesichtsspalte geboren, was bedeutet, dass ein Teil meines Gesichts bei der Geburt nicht richtig zusammengewachsen war. Dies wurde in anschließenden Operationen korrigiert und fällt jetzt viel weniger auf, aber man sieht es noch.

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Lange Zeit habe ich mich deshalb hässlich gefühlt und hatte ein ausgesprochen geringes Selbstwertgefühl. Rückblickend kann ich sagen, dass ich trotzdem eine richtig tolle Kindheit hatte und nur sehr wenige negative Erfahrungen gemacht habe. Früher habe ich mich aber leider häufig selbst zurückgezogen, aus Angst vor der Ablehnung. Wenn es zu Problemen kam, die sicherlich überhaupt nichts mit meinem Aussehen zu tun hatten, habe ich sie dennoch darauf bezogen. Ich habe mir das Leben also viel schwerer gemacht, als es war. Denn wie sollen andere Menschen auf mich zugehen, wenn ich mich so isoliere? Da ist er wieder, der Strudel der Selbstzweifel.

Mit Anfang zwanzig kam dann ganz langsam das Umdenken, als ich meine Studienkollegen kennengelernt habe. Die ersten drei Monate habe ich mich extrem unwohl in der Gruppe gefühlt, habe nicht so meine Position gefunden. Doch irgendwie hat es Klick gemacht und ich habe mich regelrecht dazu gezwungen, mich mehr einzubringen und doofe Sprüche nicht direkt auf mich zu beziehen.

Und, oh Wunder, da wollte mir niemand was Böses. Ich war dann natürlich nicht vom einen auf den anderen Tag selbstbewusst, aber ich habe Gelegenheiten wahrgenommen, vor denen ich früher davon gelaufen wäre. So zum Beispiel mein erstes Fotoshooting mit Ines Rehberger im November 2014. Zu der Zeit hatte ich mir gerade meine Kamera gekauft und Ines war eines meiner großen Vorbilder. Als sie dann nach Braunschweig gezogen ist und bei Facebook einen Aufruf gepostet hat, ob jemand Lust auf ein Shooting hätte, habe ich mich gemeldet. Einfach so, das hätte ich früher niemals gemacht. Auf dem Weg zu ihr war ich mehrmals kurz davor umzudrehen, weil ich so eine wahnsinnige Angst hatte, dass sie mich auslacht, wenn sie mich in echt sieht. Zum Glück hat sie mir mit ihrer lockeren Art direkt das unwohle Gefühl genommen und wir hatten richtig viel Spaß. Es war nur wenige Grad über Null und wir sind im strömenden Regen draußen gewesen, wobei ich die Kälte überhaupt nicht gespürt habe. Da war so ein Adrenalin in meinen Adern, so eine Begeisterung … das kannte ich überhaupt nicht von mir. Als sie ein paar Tage später die Bilder bei Facebook und Flickr gepostet hat, war ich unglaublich nervös. Gefühlt habe ich jede Minute den Browser aktualisiert, in Erwartung gleich einen fiesen Kommentar zu lesen. Doch die Bilder kamen gut an und so begann eine Entwicklung, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Seitdem habe ich mit vielen Fotografen zusammengearbeitet, was für mich eine Art Selbsttheraphie war. Natürlich habe ich immer noch Momente, in denen ich unsicher bin. Doch wer hat die nicht? Insgesamt habe ich jetzt aber ein viel gesünderes Verhältnis zu mir selbst und traue mich viel mehr.

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( Foto: Birke Fähnrich)

Mittlerweile mache ich kaum noch Shootings, da ich gemerkt habe, dass ich lieber anderen zu mehr Zufriedenheit verhelfen will. Niemand soll sich für sein Äußeres oder Inneres verstecken müssen. Die einzige Möglichkeit hässlich zu sein, ist einen gemeinen Charakter zu haben. Also lass dir niemals einreden, dass du etwas nicht kannst. Deine eigenen Grenzen legst nämlich nur du fest. Du ganz alleine. Da das anfangs ein bisschen überfordern kann und die Entwicklung nicht von heute auf morgen geht, möchte ich dir mit regelmäßigen Blogposts zu dem Thema weiterhelfen. Außerdem arbeite ich an einem Bilderbuch für Kinder, um schon Kindern (auch denen im Herzen) zu zeigen, dass sie einfach sie selbst sein können. Mein Kopf platzt vor Ideen, die ich noch umsetzen will und ich freue mich tierisch auf jedes einzelne Projekt.

 

Vergiss nie: Du bist wunderbar!

unterschrift ilka brühl